Thomas Wensing      
         
     
       
  Wirtschaft und Dichtung    
       
 

Wie können diese beiden zueinander finden? Wahrscheinlich überhaupt nicht, habe ich lange Zeit gedacht – und darauf geachtet, dass diese beiden Welten strikt von einander getrennt waren.

Dies ist allerdings nicht im Sinne dessen, was ich unter dem sprachlichen Wortgewebe verstehe, in dem letztlich alle Dinge miteinander verknüpft sind. Und so hat mittlerweile in mir eine Annäherung der beiden Welten stattgefunden. Ich habe begriffen, dass sie durchaus gut und geradezu partnerschaftlich zusammenpassen können.

Lassen Sie mich einen Schritt zurück machen und grundsätzlich fragen, worum es hier geht. Auf unserer schönen Erde, meine ich. Ich glaube, dass in jedem Menschen das intensive Verlangen steckt, Ordnung in seine Verhältnisse zu bringen. Und wenn mancher Freigeist meint, dass ihn eine periphere Unordnung nicht aus der Ruhe bringen kann, dass er vielleicht sogar eine geheime Freude darin empfindet, dennoch den Überblick nicht zu verlieren, dann ist dieser Überblick genau die Ordnung, die ich meine.

Die Ansätze in Wirtschaft und Dichtung, das Chaos der Welt in Ordnung zu verwandeln, sind grundsätzlich verschieden. Aber den Antrieb dazu beziehen sie – wie ich meine – aus derselben Unruhe.

Vereinfacht gesprochen dreht sich in der Wirtschaft alles darum, das Chaos in (monetäre) Werte zu verwandeln. Nutzloses – in der menschlichen Wahrnehmung – wird durch Produktionsvorgänge zu Nützlichem. (Sehen wir einmal von jener fatalen und grundsätzlich dysfunktionalen Tendenz zur Verschwendung ab.) Der Prozess der Verwandlung läuft dabei zumeist nach strengen Regeln ab, die sich entweder von gesetzlichen Vorgaben ableiten oder eine Vorgehensweise reflektieren, die sich als die „Beste“ herauskristallisiert hat. Um die Möglichkeit des Scheiterns weitgehend auszuschließen, wird der Handlungsspielraum stark eingeschränkt.

In der Dichtung wird das Chaos in Begriffe, Bilder und Geschichten verwandelt. Dieser uralte Ansatz funktioniert insbesondere dadurch, dass man Kontrolle über die Dinge des Lebens erhält, wenn man sie beim Namen nennen kann. Die Dichtung ist hierbei lediglich an die Regeln der Sprache gebunden, derer sie sich bedient und kann in gewissen Grenzen auch diese überwinden. Wie alle Kunst bewegt sie sich zwischen Absicht und Absichtslosigkeit und ist insbesondere dadurch fähig, dem Bekannten ein Stück vorauszueilen. Und sie gestattet sich (notwendigerweise) auch die Möglichkeit, zu scheitern. Ein Gedicht, wie ich es verstehe, beschreibt keine zwingende, unumstößliche Wahrheit, sondern dokumentiert vielmehr den Prozess der Suche nach Wahrheit und Ausdruck.

Beide ergänzen sich darin, dass die Literatur phantasieren darf und mit der ihr eigenen Leichtigkeit neue Perspektiven eröffnen kann und dass die Wirtschaft sich vor eben genau diesem Phantasieren in Acht nehmen muss und dadurch wesentlich stärker an Zweck, Publikum und letztlich Erfolg orientiert ist.