| |
Als ich ein kleiner Junge war, zu einer Zeit, da ich
die Grundschule gerade hinter mir hatte und somit schon ein paar
erste wichtige Dinge des Lebens wusste, da zeigte ich eine gewisse
Auffälligkeit im Mathematikunterricht. Ich zeigte noch andere
Auffälligkeiten, von denen aber an dieser Stelle nicht die
Rede sein soll. Jedenfalls schienen es die Zahlen gut mit mir zu
meinen und ich hatte auch nichts gegen sie, was schließlich
meinen Mathematiklehrer zu der Aussage bewegte: Aus dem Jungen wird
mal was und zwar Ingenieur.
Nun war ich schon damals mit einem gewissen Dickkopf ausgestattet
(was sich mit der Zeit nicht wesentlich gebessert hat) und so war
meine Antwort: Ingenieur werde ich ganz bestimmt nicht! Aber meine
gute Beziehung zu Zahlen behielt ich erstmal bei.
In dieser Zeit fing ich auch mit der Leichtathletik an, nachdem
man mich beim Fußball – ich hatte Linksaußen gespielt
– öfters und im Grunde nur für meine läuferischen
Qualitäten gelobt hatte. (Erst viel später erfuhr ich,
dass man als Linksaußen in der Regel wenig Möglichkeit
hat, die eigene Mannschaft in Gefahr zu bringen und dies im Besetzungskalkül
von Kinder- und Jugendtrainern durchaus eine gewichtige Rolle spielt.)
Der deutsche Fußball hat meinen Verlust also gut verkraften
können und mir wurde die Leichtathletik schnell um einiges
lieber. Denn hier konnte ich mich sehr viel besser auf die reinen
Bewegungen konzentrieren ohne so störende Einflüsse wie
einen Ball oder einen Gegner mit einbeziehen zu müssen. Im
Übrigen hat die Leichtathletik auch wesentlich mehr mit Zahlen
zu tun und ich kenne Athleten, die mühelos einige dutzend Zeiten
und Weiten aufsagen können, die sie auf diversen, zum Teil
Jahre zurückliegenden Sportfesten erzielt haben.
Nun. Die Jahre vergingen - längst nicht so schnell wie sie
heute vergehen - aber sie vergingen, die Schule stellte mich vor
beherrschbare Probleme und im Sport machte ich überschaubare
Fortschritte und wartete vor allem darauf so groß zu werden,
wie meine Konkurrenten. (Ich habe mir in mancherlei Entwicklung
ein bisschen Zeit gelassen, am augenfälligsten vermutlich mit
dem Wachstum.)
Und schließlich machte ich eine der vermutlich letzten wirklich
aufregenden Entdeckungen: Ich erfuhr, wie es ist, verliebte zu sein
und schon wenige Tage später, wie es ist, unglücklich
verliebt zu sein. Es liegt jetzt nah zu denken: Aha! Hier kommt
also das Schreiben ins Spiel. Aber das stimmt nicht so ganz. Es
sollte noch eine gute Weile dauern, bis ich etwas schreib, das wie
ein Gedicht aussah, dem ich diese Bezeichnung aber noch nicht zubilligen
wollte. Ganz sicher wurde hier aber ein wichtiges Motiv gelegt,
das mein Schreiben lange Zeit begleiten sollte und das es wahrscheinlich
noch immer begleitet. Und zur Geschichte meines Schreibens gehört
es daher allemal.
Wenn ich zu dieser Zeit aber etwas schrieb, dann waren es Artikel
für die Schülerzeitung, die – wie mir alle damals
Beteiligten heute sicher bestätigen würden – immer
außerordentlich halbherzig von uns zusammengestellt wurde.
Und obgleich ich vordergründig eine journalistische Laufbahn
anpeilte vermischt mit einer Tendenz zur Schriftstellerei (damals
wusste ich noch nicht um die schiere Gegensätzlichkeit dieser
beiden Betätigungsfelder) wusste ich doch tiefen Herzens, dass
es etwas mit Mathematik werden würde. Hatte ich den Ingenieur
– aus Trotz und bar jeder Kenntnis – auch gestrichen,
so war mein alter Lehrer letztlich doch erfolgreich gewesen und
hatte in mir das Bewusstsein tief verankert, dass ich, um auf die
Nomenklatur meines Studiums vorzugreifen, im mathematisch-technischen
Bereich einen deutlich ausgeprägten Wettbewerbsvorteil hätte.
Und schließlich lernte ich bei der Bundeswehr sehr eindrücklich
zwischen es sich leicht und es sich schwer machen zu unterscheiden.
Bei der Bundeswehr war es dann tatsächlich auch, dass ich
meine ersten Gedichte schrieb – hauptsächlich in Ermangelung
von Gesprächspartnern. Falls Sie dies hier lesen und kein Dichter
oder keine Dichterin sind, so sollte ich es Ihnen eigentlich nicht
verraten, aber es gibt eine schiere Unendlichkeit von Gedichten,
die anstelle von Gesprächen entstanden sind.
Ich wollte es mir also nicht zu schwer machen und begann nach einem
verfahrenen Semester an der Philosophischen Fakultät endlich
und vorsehungsgemäß Wirtschaftsinformatik zu studieren.
Punkt.
Aber das Schreiben ließ ich trotzdem nicht bleiben, und ebenso
wenig die Leichtathletik, in der ich mich auf den 400-Meter-Lauf
spezialisierte. Und da ich inzwischen endlich doch noch gewachsen
war und unzählige Stunden auf dem Trainingsplatz verbrachte,
durfte ich auf Urkunden und Ergebnislisten mit der Zeit auch einige
sehr freundliche Zahlen lesen.
Mittlerweile habe ich das Studium abgeschlossen, das intensive
400-Meter-Training mit einiger Wehmut drangegeben und arbeite als
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Eichstätt-Ingolstadt.
(Und ja, was ich mache hat viel mit Zahlen zu tun!)
Die Frage, wie das alles zusammenpassen soll, stelle ich mir nur
noch sehr gelegentlich. Ich weiß, diese Haltung ist nicht
besonders modern, heute gilt es, stets an der Plausibilität
seines Lebenslaufs zu arbeiten. Aber – diese Kritik sei mir
gestattet – ich halte das für falsch. Ich halte das sogar
für gefährlich, denn ich glaube, dass Ziele immer in Bewegung
bleiben müssen. Denn wer kann schließlich von sich behaupten,
er kenne die Welt und wüsste, was es auf ihr alles gibt? Ich
jedenfalls nicht. Nebenbei bemerkt müsste man selbst in der
überschauten Welt wissen, was man überhaupt will und das
halte ich für unmöglich, da man niemals unterscheiden
können wird, ob man etwas wirklich will, oder nur meint, es
zu wollen. Ich weiß, das ist paradox, wahrscheinlich auch
angreifbar und führt jetzt in jedem Falle zu weit.
Woran ich jedenfalls leicht glauben kann ist, dass es auf der Welt
keine zwei Dinge gibt, die NICHT auf irgendeine, teilweise geheimnisvolle
Wiese in Verbindung stehen. Und je mehr man schaut, umso mehr dieser
Verbindungen werden sich einem zeigen.
|