Thomas Wensing      
         
     
       
  Wie es dazu kam    
       
 

Als ich ein kleiner Junge war, zu einer Zeit, da ich die Grundschule gerade hinter mir hatte und somit schon ein paar erste wichtige Dinge des Lebens wusste, da zeigte ich eine gewisse Auffälligkeit im Mathematikunterricht. Ich zeigte noch andere Auffälligkeiten, von denen aber an dieser Stelle nicht die Rede sein soll. Jedenfalls schienen es die Zahlen gut mit mir zu meinen und ich hatte auch nichts gegen sie, was schließlich meinen Mathematiklehrer zu der Aussage bewegte: Aus dem Jungen wird mal was und zwar Ingenieur.
Nun war ich schon damals mit einem gewissen Dickkopf ausgestattet (was sich mit der Zeit nicht wesentlich gebessert hat) und so war meine Antwort: Ingenieur werde ich ganz bestimmt nicht! Aber meine gute Beziehung zu Zahlen behielt ich erstmal bei.

In dieser Zeit fing ich auch mit der Leichtathletik an, nachdem man mich beim Fußball – ich hatte Linksaußen gespielt – öfters und im Grunde nur für meine läuferischen Qualitäten gelobt hatte. (Erst viel später erfuhr ich, dass man als Linksaußen in der Regel wenig Möglichkeit hat, die eigene Mannschaft in Gefahr zu bringen und dies im Besetzungskalkül von Kinder- und Jugendtrainern durchaus eine gewichtige Rolle spielt.) Der deutsche Fußball hat meinen Verlust also gut verkraften können und mir wurde die Leichtathletik schnell um einiges lieber. Denn hier konnte ich mich sehr viel besser auf die reinen Bewegungen konzentrieren ohne so störende Einflüsse wie einen Ball oder einen Gegner mit einbeziehen zu müssen. Im Übrigen hat die Leichtathletik auch wesentlich mehr mit Zahlen zu tun und ich kenne Athleten, die mühelos einige dutzend Zeiten und Weiten aufsagen können, die sie auf diversen, zum Teil Jahre zurückliegenden Sportfesten erzielt haben.

Nun. Die Jahre vergingen - längst nicht so schnell wie sie heute vergehen - aber sie vergingen, die Schule stellte mich vor beherrschbare Probleme und im Sport machte ich überschaubare Fortschritte und wartete vor allem darauf so groß zu werden, wie meine Konkurrenten. (Ich habe mir in mancherlei Entwicklung ein bisschen Zeit gelassen, am augenfälligsten vermutlich mit dem Wachstum.)
Und schließlich machte ich eine der vermutlich letzten wirklich aufregenden Entdeckungen: Ich erfuhr, wie es ist, verliebte zu sein und schon wenige Tage später, wie es ist, unglücklich verliebt zu sein. Es liegt jetzt nah zu denken: Aha! Hier kommt also das Schreiben ins Spiel. Aber das stimmt nicht so ganz. Es sollte noch eine gute Weile dauern, bis ich etwas schreib, das wie ein Gedicht aussah, dem ich diese Bezeichnung aber noch nicht zubilligen wollte. Ganz sicher wurde hier aber ein wichtiges Motiv gelegt, das mein Schreiben lange Zeit begleiten sollte und das es wahrscheinlich noch immer begleitet. Und zur Geschichte meines Schreibens gehört es daher allemal.

Wenn ich zu dieser Zeit aber etwas schrieb, dann waren es Artikel für die Schülerzeitung, die – wie mir alle damals Beteiligten heute sicher bestätigen würden – immer außerordentlich halbherzig von uns zusammengestellt wurde. Und obgleich ich vordergründig eine journalistische Laufbahn anpeilte vermischt mit einer Tendenz zur Schriftstellerei (damals wusste ich noch nicht um die schiere Gegensätzlichkeit dieser beiden Betätigungsfelder) wusste ich doch tiefen Herzens, dass es etwas mit Mathematik werden würde. Hatte ich den Ingenieur – aus Trotz und bar jeder Kenntnis – auch gestrichen, so war mein alter Lehrer letztlich doch erfolgreich gewesen und hatte in mir das Bewusstsein tief verankert, dass ich, um auf die Nomenklatur meines Studiums vorzugreifen, im mathematisch-technischen Bereich einen deutlich ausgeprägten Wettbewerbsvorteil hätte. Und schließlich lernte ich bei der Bundeswehr sehr eindrücklich zwischen es sich leicht und es sich schwer machen zu unterscheiden.

Bei der Bundeswehr war es dann tatsächlich auch, dass ich meine ersten Gedichte schrieb – hauptsächlich in Ermangelung von Gesprächspartnern. Falls Sie dies hier lesen und kein Dichter oder keine Dichterin sind, so sollte ich es Ihnen eigentlich nicht verraten, aber es gibt eine schiere Unendlichkeit von Gedichten, die anstelle von Gesprächen entstanden sind.

Ich wollte es mir also nicht zu schwer machen und begann nach einem verfahrenen Semester an der Philosophischen Fakultät endlich und vorsehungsgemäß Wirtschaftsinformatik zu studieren. Punkt.

Aber das Schreiben ließ ich trotzdem nicht bleiben, und ebenso wenig die Leichtathletik, in der ich mich auf den 400-Meter-Lauf spezialisierte. Und da ich inzwischen endlich doch noch gewachsen war und unzählige Stunden auf dem Trainingsplatz verbrachte, durfte ich auf Urkunden und Ergebnislisten mit der Zeit auch einige sehr freundliche Zahlen lesen.

Mittlerweile habe ich das Studium abgeschlossen, das intensive 400-Meter-Training mit einiger Wehmut drangegeben und arbeite als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. (Und ja, was ich mache hat viel mit Zahlen zu tun!)

Die Frage, wie das alles zusammenpassen soll, stelle ich mir nur noch sehr gelegentlich. Ich weiß, diese Haltung ist nicht besonders modern, heute gilt es, stets an der Plausibilität seines Lebenslaufs zu arbeiten. Aber – diese Kritik sei mir gestattet – ich halte das für falsch. Ich halte das sogar für gefährlich, denn ich glaube, dass Ziele immer in Bewegung bleiben müssen. Denn wer kann schließlich von sich behaupten, er kenne die Welt und wüsste, was es auf ihr alles gibt? Ich jedenfalls nicht. Nebenbei bemerkt müsste man selbst in der überschauten Welt wissen, was man überhaupt will und das halte ich für unmöglich, da man niemals unterscheiden können wird, ob man etwas wirklich will, oder nur meint, es zu wollen. Ich weiß, das ist paradox, wahrscheinlich auch angreifbar und führt jetzt in jedem Falle zu weit.

Woran ich jedenfalls leicht glauben kann ist, dass es auf der Welt keine zwei Dinge gibt, die NICHT auf irgendeine, teilweise geheimnisvolle Wiese in Verbindung stehen. Und je mehr man schaut, umso mehr dieser Verbindungen werden sich einem zeigen.